Der mit dem Wulff tanzt

Was soll das denn sein? Ist es ein Politiker, der mit der Macht nicht haushalten konnte oder ist es eine beispiellose mediale Schmutzkampagne?

Fakt ist – unser oberster Würdenträger im Staate hat längst nicht alles dazu beigetragen, um die Reputation seines Amtes aufrecht zu erhalten. Das ist etwas Wesentliches, was man Christian Wulff ankreiden muß: ein Amt, was über den Ruf des Inhabers lebt, muß pfleglicher behandelt werden. Ein Verweis darauf, das die Verfehlungen in den Bereich seiner Tätigkeit als Ministerpräsident fallen, ist zwar korrekt – ändert aber nichts daran, das die Glaubwürdigkeit Wulffs massiv angekratzt ist.Bettina und Christian Wulff - Bild von Franz Richter

Das ist aber letztlich das wesentliche Kapital eines Bundespräsidenten: er vertritt den Staat nach außen, sollte Gallionsfigur für die absolute Integrität der bundesdeutschen Politiker sein. Und besagte Gallionsfigur schleppt schon seit den Weihnachtsfeiertagen eine Drecksspur durch die deutschen Politikstuben. Nach der gefühlt dreiundzwanzigsten „lückenlosen“ Aufklärung des Herrn Wulff und der tags drauf folgenden Enthüllung einer neuen Ungereimtheit, glaubt der durchschnittliche deutsche Wähler mittlerweile, das unser Bundespräsident von einer lückenlosen Aufklärung – wie im TV-Interview versprochen – etwa soweit entfernt ist wie Griechenland von einem ausgeglichenen Haushalt.

Nichtsdestrotrotz sabotieren die Medien teilweise ihre eigene Message: Mögen die Verstrickungen von Wulff und seinem Ex-Sprecher Glaeseker noch zu Recht eine gewisse Anrüchigkeit haben, so wurde es in einigen Medien ab dem Punkt albern, wo jeder Durchschnittsjournalist meinte, seine eigene Verschwörungsgeschichte ausgraben zu müssen – Höhepunkt der Albernheit war die „sensationelle“ Enthüllung der Berliner Zeitung, die von der Übergabe eines Bobby-Cars an Wulffs Sohn im Zuge eines Autokaufs berichtete. So, liebe Medien, verwässert ihr jede Glaubwürdigkeit.

Ich möchte gar nicht schönreden, was Christian Wulff getan hat. Spätestens, seit dem er seinerzeit Johannes Rau im Jahre 2000 mit schwer kritischen Worten attackierte und zum Rücktritt aufforderte, hat Wulff bewiesen an welchen Werten er gemessen werden möchte.
Und gemessen an diesen Werten ist ein Rücktritt Wulffs mittlerweile überfällig.

Trotzdem erwarte ich auch von Medien eine gewisse Glaubwürdigkeit – und kein kollektives Verfallen in einen Blutrausch, nachdem der Bundespräsident offensichtlich ernsteren Kontakt zum Chefredakteur des größten deutschen Boulevardblattes aufnahm. Ab diesem Punkt wurde Wulff zum absoluten Freiwild – der Leser erwartet trotzdem eine
differenzierte Berichterstattung. Zumeist sieht ein Artikel in der Causa Wulff mittlerweile so aus: Aufbereitung der Schlachtbank im Artikeleinstieg – kleiner, aber schlüssiger Gegenkommentar von Wulffs Wortführern, wie jüngst im Falle der vermeintlichen
Klientenbeziehung zwischen Christian Wulff und Egon Geerkens geschehen.
Fazit: Auch mit Gewichtung kann man Wertung in einen Artikel bringen.

Vergesst nicht, liebe schreibende Zunft: von euch wird keine Wertung erwartet, von euch wird eine neutrale Information erwartet. Die Wertung sollen die Wähler schon selbst vornehmen, sich ihre eigene politische Meinung bilden.
Denn die Aufgabe von freier Presse kann es nicht sein, den Lesern ihre
Meinung vorzukauen.

 

(Bild des Bundespräsidenten-Paares von Franz Richter; verwendet unter Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported )

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s