W.I.P. – Weischenberg ist penetrant – oder: Wie wird man Society-Expertin?

Jeder Sender braucht ein Format, braucht einen Moderator, bei dem es anerkannt ist, das sie
oder er die Meinung der kommenden Tage macht oder zumindest dabei hilft, sie zu machen.
ARD hat Frank Plasberg, ZDF hat Maybrit Illner und SAT.1 hat… Sibylle Weischenberg.

Das Szenario erinnert ganz frappierend an „Ein Zuhause für Tiere“ –
Jeden Donnerstag gewährt SAT.1 der halbseiden informierten Weischenberg das Gefühl,
das Kameras und Moderatoren nur für sie erschienen sind. Weischenberg macht keine Meinung,
sie IST die Meinung.

Andere müssen eine jahrelange Ausbildung absolvieren, um Experten auf ihrem Gebiet zu sein,
aber die Frau mit dem Literverbrauch an Wimperntusche und ihre Dompteure von SAT.1 sind
wohl der Meinung, das der wöchentliche Konsum der Bunten und dem Neuen Blatt ausreicht,
um als sogenannte „Society-Expertin“ über ihre jüngsten Telefonate mit dem Who’s-Who der
Stars und Sternchen zu berichten. Überdeutung ist ihr Geschäft – ein Händedruck von Brat Pitt
wird von ihr gerne als ausführliches Gespräch („Das die heiraten war mir schon längst klar.“)
überinterpretiert.

Auf schlimmsten und enorm seichten Niveau darf sie nun also über das Privatleben von
Prominenten herziehen – Argumentation ist nicht ihre Stärke, die Schlagendsten dürften
noch die sein, die sie in Sätze verstrickt wie: „Man hat ja gehört…“ und „Er soll ja schon wieder…“
Ihre Tratschtanten-Stimme unterlegt eine Star-Archivbild-MAZ – aber gerade als sich der
Zuschauer zumindest optisch vom Vampir-Bodydouble verschont wähnte, greift der Regisseur
der Sendung zu perfiden Tricks: Das labernde Antlitz der Weischenberg wird eingeblendet,
informeller Nährwert unbekannt. Oder vermutlich nur zu klein um ihn zu finden.

Moderator Jan Hahn, selbst nicht unbedingt der Erfinder der tiefgehenden Talkrunden,
geht mit Sibylle Weischenberg mittlerweile angemessen um: Er nimmt sie offensichtlich
nicht einen Bruchteil so ernst, wie sie sich selbst.

Grausam wird es ab dem Punkt, wenn sich Sibylle Weischenberg selbstständig zur Politikexpertin
befördert, zuletzt etwa in der Causa Wulff.
„Zensur“ sei es, das dem geneigten Privatfernsehpublikum zugemutet wurde, einen Sender wie
ARD oder ZDF auf der Fernbedienung zu finden.

Sechs Minuten lang knebelte sie den überforderten Moderator (womöglich war er auch nur geknebelt)
mit einem Redeschwall, in dem Informationen aus erster Hand (die Bild-Zeitung war selbst gekauft)
steckten. „Ihn braucht keiner mehr, er muß weg – finde ich.“

Das sie quasi verantwortlich ist, für An-oder Abschaffung von alles und jedem innerhalb
der Bundesrepublik zuzüglich Griechenland und den Niederländischen Antillen, das ist noch
so ein Problem. Was der Weischenberg nicht gefällt, das muß weg. Und wenn sie meint,
das eine Ehe scheitert, dann hat diese Ehe gefälligst zu scheitern. Speziell in diesem Bereich
hat sie nach ihren zwei Scheidungen ja bereits die notwendige Fachkompetenz erworben.

Die unerträgliche Ich-Bezogenheit im Meinungsbild dieser Person sollte dringend in ein
Print-Medium ausgelagert werden. Denn dort kann es immerhin noch als Grillanzünder taugen.

SAT.1, bitte tut uns den Gefallen!

In diesem Zusammenhang verweise ich auf den sehr gelungenen Blog von Stefan Niggemeier:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/sibylle-weischenberg/

Aus Respekt vorm Welken

Der Generation U30 sicherlich wohlbekannt – das Augenrollen der älteren Mitbürger, sobald man sie auf dem Fußgängerweg überholt, ohne zu grüßen. Sobald man sie an der Supermarktkasse mal nicht vorlässt. Sobald man ihnen versehentlich den Rucksack in die Seite knufft. Sobald man sich mal etwas breiter macht als zwingend notwendig… Gerne garnieren unsere Alterspräsidenten diese Aktion mit dem folgenden, immer wieder gerne genommenen Satz: „Die Jugend heutzutage…“

Rentner

Ihr lieben Leute, ich möchte da ja nicht pauschalisieren – aber seit ihr sicher, das ihr noch in einer Position seid, die es erlaubt mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen?
Ich bin mittlerweile schwer genervt von diesem gespielten Gutbürgertum – auch ihr könnt problemlos den Ablauf des Lebens der jüngeren Generation dezent und vermeidbar behindern.
Und das mittlerweile sogar abseits des Klischees, das die Oma an der Kasse vor einem immer die letzten Kupferkrümel aus dem Portemonnaie kratzen muß – während mir draußen der Bus wegfährt. Hier hat mittlerweile die Realität das Klischee überholt – heutzutage nehmen die älteren Herrschaften zwar ganz weltmännisch die EC-Karte, sind aber sowohl mit Unterschrift als auch der Kontrolle des Bons – wohlgemerkt mit wartenden Kunden im Nacken – schlicht überfordert, oder handeln dort durchaus wissentlich nach dem Motto: „Wenn jeder an sich denkt ist ja alle gedacht.“
Dann haben wir in dieser Ecke des öffentlichen Lebens auch noch die Spurblockierer – Oma Kempmeier diskutiert mit Opa Brass zwischen Nutella und Klosterfrau Melissengeist über den Tod des Dackels aus dem dritten Stock – und stellt dabei den Einkaufswagen so genau hin, das der durchfließende Kundenverkehr gar nicht umhin kommt, den Wagen zu verrücken – womit wir wieder beim Einleitungssatz wären: „Die Jugend heutzutage…“

Nicht, das es damit getan wäre den älteren Leuten einfach mal zu helfen – auch solche Menschen soll es ja noch geben. Entweder drängelt im Bus der nächste Rentner von hinten, wenn man der netten Oma mal den Gehwagen über den Treppenabsatz im Bus hievt. Alternativ reagieren ältere Leute auch sehr gerne angezickt, wenn man ihnen bei etwas hilft, was sie aus eigener Meinung noch selbst beherrschen. (Beherrschen schon, aber wenn man das abwartet, dann bin ich selber in einem Alter, wo ich nicht mehr selbsttätig den Bus verlassen kann.)

Liebe Ommas, liebe Oppas: keiner hat ein Problem damit, wenn es mal in irgendeiner Phase des Lebens etwas länger dauert – echt nicht. Das Alter zieht an uns allen vorüber, an den einen mehr, an anderen wiederrum etwas weniger. Wenn ihr das akzeptiert, wenn ihr es akzeptiert, das es auch Menschen gibt die es minimal eiliger haben als ihr – dann würden wir doch alle etwas gepflegter miteinander umgehen können. Frei nach dem Motto: Leben und Leben lassen.

 

Foto: Günter Havlena  / pixelio.de