Faule Äpfel?

Die Bundesagentur für politische Bildung hat in ihrer
sogenannten Sinusstudie den wissenschaftlichen Status quo
zur Lebenssituation von Jugendlichen veröffentlicht.
Das dieser Bericht grundsätzlich das Problem der heutigen
Gesellschaft ganz gut auffängt ist die eine Sache.
Das manche von den Verantwortlichen getroffene Statements
von einer gewissen Realitätsferne zeugen ist eine ganz andere.
Im Internet kochten bereits einige Wellen hoch – so hat
sich auf tagesschau.de (Link) eine interessante Diskussion
zum Thema ergeben, wo ebenfalls manch ein Statement
gefallen ist, welches ich so im Raum nicht stehen lassen
möchte.

„Es gibt immer die Ausnahme der Jugendlichen in prekären
Lebensverhältnissen, die eher pessimistisch gucken.
Die sagen: ‚Mit meinem Schulabschluss und mit Hauptschule,
da will mich doch eh keiner und da hab ich ganz große Sorge,
ob ich eine gute Zukunft habe.‘ “ (Martin Thomas, SINUS-Akademie)

Der Surprise-Effekt, mit dem Herr Thomas das hier vorträgt,
der lässt doch darauf schließen, das er mit der konkreten
Situation am Arbeitsmarkt nicht so sehr vertraut ist.
Für Jugendliche, die direkt aus der Schule in die Ausbildung möchten,
ist der Weg häufig verbaut – Abiturienten mit durchschnittlichem
Abitur haben selbst für die ihnen zugedachten Ausbildungsberufe
(Bankkaufmann o.ä.) Probleme und eine Serie von 50 Bewerbungen,
auf die nach mehr oder minder langen Vorläufen 50 Absagen folgten,
ist keine Seltenheit. Insofern haben die Hauptschüler diese
Zukunftssorgen längst nicht mehr exklusiv.

Problematisch daran ist auch, das die Politik offensichtlich
auf Gewalt und zu Lasten der Schüler versucht, die Leute
frühzeitig ins Arbeitsleben zu bekommen – völlig orientierungslos
und ohne schulische Hilfe beenden die Schüler ihre schulische
Laufbahn und flüchten sich mangels Ideen zunächst einmal
in ein Studium. Hier müsste seitens der Schulen mal etwas in
Sachen Berufsberatung getan werden – speziell die Gymnasien
haben auf diesem Feld einen enormen Nachholbedarf.

„Ein weiteres Thema der Sinus-Studie: Die Freizeit der
14- bis 17-Jährigen.  Wie erwartet spielt hier das
Internet eine zentrale Rolle. Immer weniger junge
Menschen engagieren sich dagegen in Vereinen oder in der Kirche.“
Direktes Zitat aus dem Artikel

Auch hier scheint der Autor überrascht – der Subtext,
der hierbei mitschwingt, ist aber nichtsdestotrotz eine
Frechheit. Es soll wohl der Eindruck vermittelt werden,
das die Jugendlichen lieber ausgiebig Facebook und Co
heimsuchen, als Arbeit in Vereinen oder ähnlichem auszuüben.
Man möchte die direkte Gegenfrage stellen:
Wann sollen die Jugendlichen denn sowas noch machen?
Mittlerweile, speziell durch Koprimierung der Gymnasialzeit
auf zwölf Jahre, haben die Jugendlichen teilweise Schule bis
17 Uhr nachmittags, danach sind noch Hausaufgaben zu erledigen
und für Klausuren zu lernen. Und dann sind die Herren
überrascht, das in Vereinen viel Arbeit liegenbleibt?
Wie ich eingangs erwähnte – heutzutage kommt einem ein nur
durchschnittliches Abitur eventuell extrem teuer.
Da überlegen sich die meisten Jugendlichen doch zweimal,
ob sie ihr bißchen Freizeit in Vereinsarbeit stecken möchten.
Der Schluß daraus kann eigentlich nur sein, das man das
unsinnige G12-Konzept wieder in die Schublade packt und
mit möglichst vielen Aktenordnern überdeckt – denn seinen
eigentlichen Zweck, junge Leute früher in den Beruf zu
bekommen, erfüllt das System in den seltensten Fällen.

„Ansonsten kann ich verstehen, dass man unter Druck steht.
Ehrlich gesagt sind aber viele Jugendliche nunmal wirklich
 sehr faul und tun keinen Strich für die Schule
(weiß ich so aus meinen Umfeld). Darüber zu reden
 scheint aber nicht so populär zu sein.“
Hans_gerch, Diskutant im Forum

Sicherlich sind manche Jugendlichen faul und tun
kein Strich für die Schule – faule Menschen hat es
schon immer gegeben und wird es auch immer geben.
Aber zum einen kann man dieses Problem kaum pauschalisieren
und auf alle anderen Schüler umbrechen, zum anderen
habe ich (aus MEINEM Umfeld) das andere Extrem kennen
gelernt – Schüler, die sich den Hintern aufgerissen haben,
um jetzt ohne alles dazustehen. Zwar mit Schulabschluß,
aber ohne praktische Erfahrung. Da liegt der Hase im
Pfeffer.

„Die Abkehr von Kirche und Verein ist ebenfalls ein weiterer
Schritt in die Ego-Gesellschaft.“
Triton1971, Diskutant im Forum

Ja, sie ist eine Abkehr in die Ego-Gesellschaft –
aber nur, weil soziales Engagement im Leben noch lange
keinen Job verspricht. Die Zeiten, wo Arbeitgeber
noch hochentzückt waren, wenn der Lebenslauf von
Ausbildungssuchenden in derlei Hinsicht prall gefüllt
war, sind vorbei. Und nicht zuletzt – wie oben erwähnt:
Es fehlt die Zeit.

„Was wir aber dabei vergessen, dass wir den Kindern die
schönste zeit ihres Lebens nehmen. Wir rauben ihnen ihre Kindheit.
 Wir lassen sie nicht raus, ihre Welt zu erkunden,
ihre Erfahrungen zu machen. Wir hindern sie, ihre Neugier
auszuleben.“
Adlerpapi, Diskutant im Forum

Amen – aber ob die Politiker, die den G12-Beschluß durchgebracht
haben, auch gewusst haben, dass sie diverse Kindheiten
auf dem Gewissen haben werden? Ich bin mir nicht so
sicher.

„Es ist nunmal emminent wichtig für unseren Wohlstand,
 dass unsere Kinder viel Lernen. „
ahsgas, Diskutant im Forum

Viel Input gleich viel Output? Eine ziemliche Milchmädchenrechnung,
wenn man mal genauer drüber nachdenkt.
Das heutige Unterrichtssystem peitscht durch einen
überalterten Lehrplan, der auf stumpfem Frontalunterricht
basiert – die Pädagogen, die sich trauen, mal was Neues
auszuprobieren, werden schnell von Zeitproblemen eingeholt.
Die Schüler haben keine Gelegenheit mehr, den Stoff mal
sacken zu lassen – stattdessen wird er abgefragt. Danke.
Nächstes Thema bitte. So handelt man nicht verantwortungsbewusst,
sondern hat nur den schnellen geistigen Profit im Kopf – und seine
eigene Rente.

Was soll sich nun also ändern? Naja – Frage ist wohl
eher, was sich noch ändern lässt und welche Veränderung
einfach dem Zeitgeist mit medialer Überflutung geschuldet ist.
Aber wenn sich Jugendliche am Wochenende mit Alkohol vom
unter der Woche aufgestauten Druck befreien müssen, wenn
Jugendliche aus Perspektivlosigkeit zu Körperverletzung greifen,
dann lässt sich nur sagen: Wir alle sollten unsere
Einstellung und unsere Erwartungen an die nächsten Generationen
dringend überdenken – sonst ziehen wir bald keine
Menschen sondern Maschinen groß.

Link zum tagesschau.de-Artikel von Oliver Neuroth:
http://www.tagesschau.de/inland/sinusstudie100.html